Verschwörungstheorie - Was ist das?

Eine Verschwörungstheorie behauptet, dass mächtige Akteure hinter den Kulissen einen geheimen Plan verfolgen und die Geschehnisse lenken. Nach dem amerikanischen Forscher Michael Barkun beruht sie auf drei Annahmen. Nichts geschieht zufällig, nichts ist, wie es scheint, und alles hängt miteinander zusammen. Nach Schätzungen des Forschers Michael Butter ist ein Viertel bis ein Drittel der Deutschen für Verschwörungstheorien empfänglich.
Eine Verschwörungstheorie behauptet, dass mächtige Akteure hinter den Kulissen einen geheimen Plan verfolgen und die Geschehnisse in ihrem Sinne lenken. Sie erklärt ein Ereignis also nicht durch Zufall, Fehler oder das Zusammenspiel vieler Umstände, sondern durch die Absicht einer kleinen Gruppe. Bekannte Beispiele sind die Behauptung, Bill Gates stecke hinter einer "Plandemie", oder die Vorstellung, das Coronavirus sei durch die 5G-Technologie entstanden. Manche Fachleute sprechen statt von Verschwörungstheorien lieber von Verschwörungserzählungen oder Verschwörungsmythen.
Woran man eine Verschwörungstheorie erkennt
Der amerikanische Forscher Michael Barkun hat drei Grundannahmen beschrieben, die Verschwörungstheorien gemeinsam haben. Michael Butter, Professor für amerikanische Literatur- und Kulturgeschichte an der Universität Tübingen, stellt sie an den Anfang seiner Einführung in das Thema.
- Nichts geschieht durch Zufall. Alles wurde geplant.
- Nichts ist so, wie es scheint. Man muss hinter die Fassade blicken.
- Alles ist miteinander verbunden, und die Verbindungen ergeben erst Sinn, wenn man eine große Verschwörung annimmt.
Wörtlich meint Barkun das nicht. Niemand hält den Morgenkaffee für einen Teil des Komplotts. Verschwörungstheorien überbetonen aber Planung, Heimlichkeit und Verkettung. Daraus folgt eine typische Frage, nämlich "Wem nützt das?". In einer Welt ohne Zufall muss derjenige, der von einem Ereignis profitiert, auch dafür verantwortlich sein. Nach Butter beginnen Verschwörungstheoretiker deshalb meist mit dem Schuldigen und suchen danach die Beweise. Was gegen ihre Annahme spricht, blenden sie aus.
Echte Verschwörungen und Verschwörungstheorien
Verschwörungen hat es immer gegeben. Butter nennt als Beispiele die Ermordung Julius Caesars im Jahr 44 vor Christus und den Anschlag auf den russischen Oppositionellen Alexej Nawalny im August 2020. Beide Verschwörungen haben ihr eigentliches Ziel verfehlt. Die Mörder Caesars wollten die Republik retten, doch nach einem Bürgerkrieg ist mit Octavian ein Alleinherrscher an die Macht gekommen. Schon der Philosoph Karl Popper hat geschrieben, dass die Verschwörer "nur selten die Früchte ihrer Verschwörung" genießen. Verschwörungstheorien schließen genau das aus. Bei ihnen geht der Plan über Jahre oder Jahrhunderte reibungslos auf.
Auch mit Fake News sind Verschwörungstheorien nicht gleichzusetzen. Fake News sind bewusst verbreitete Falschinformationen und behaupten nicht zwingend eine Verschwörung. Wer dagegen eine Verschwörungstheorie verbreitet, hält sie in der Regel selbst für wahr.
Verschwörungstheorie, Verschwörungserzählung oder Verschwörungsmythos?
Im deutschen Sprachraum wird darüber gestritten, wie man das Phänomen nennen soll. Der Soziologe Armin Pfahl-Traughber unterscheidet zwischen Verschwörungsideologien, Verschwörungsmythen und Verschwörungstheorien. Der Religionswissenschaftler Michael Blume spricht nur von Verschwörungsmythen. Kritiker des Wortes "Theorie" wenden ein, es werte absurde Ideen auf und passe nicht, weil sich Verschwörungstheorien nicht widerlegen ließen.
Butter hält den Begriff dagegen für richtig. Nach seiner Darstellung ist in der internationalen Forschung ausnahmslos von "conspiracy theories" die Rede, und die Debatte um das Wort wird nur im deutschsprachigen Raum geführt. Eine Theorie ist für ihn jeder Versuch, auf Grundlage verknüpfter Annahmen die Welt zu erklären, ob die Annahmen stimmen oder nicht. Aufgewertet werde dadurch niemand, denn der Begriff sei ohnehin stark abgewertet.
Nach Michael Butter lassen sich Verschwörungstheorien sehr wohl widerlegen, und das geschieht auch regelmäßig. Wegen ihrer fragwürdigen Grundannahmen ist das meist nicht einmal schwer. Das Problem liegt bei vielen überzeugten Anhängern. Sie ignorieren Gegenbeweise oder deuten sie sogar in Belege für die Verschwörung um. Das Problem ist also nicht die Theorie, sondern das Verhalten derer, die an sie glauben.
Übrigens ist auch die Behauptung, die CIA habe das Wort erfunden, um Kritik am Kennedy-Attentat abzuwerten, selbst eine Verschwörungstheorie. Das Wort stammt nach Butter aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Seine heutige Bedeutung hat Karl Popper kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt.
Warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben
Die psychologische Forschung zeigt nach Butter, dass besonders Menschen empfänglich sind, die Unsicherheit und Widersprüche schlecht aushalten oder sich ohnmächtig fühlen. Eine Verschwörungstheorie schließt den Zufall aus und gibt dem Geschehen einen Sinn. Außerdem erlaubt sie es, sich von der Masse abzuheben. Wer an sie glaubt, kann sich als "aufgewacht" sehen, während die Mehrheit angeblich noch schläft.
Diesen Wunsch nach Besonderheit haben Roland Imhoff und Pia Lamberty 2017 in einer psychologischen Studie untersucht. In einem Experiment haben Menschen mit ausgeprägter Verschwörungsmentalität einer erfundenen Verschwörungstheorie eher zugestimmt, wenn es hieß, nur eine Minderheit der Befragten glaube daran. Wurde sie als Mehrheitsmeinung vorgestellt, war die Zustimmung geringer.
Der sicherste Hinweis darauf, dass jemand an eine Verschwörungstheorie glaubt, ist nach Butter, dass er schon an andere glaubt. Die meisten Anhänger sind dabei nicht psychisch krank, wie man früher vermutet hat, sondern ganz gewöhnliche Menschen.
Wie verbreitet Verschwörungstheorien sind
Wie viele Menschen an Verschwörungstheorien glauben, hängt stark davon ab, wie man fragt. Butter hat verschiedene Umfragen verglichen und kommt auf ein Viertel bis höchstens ein Drittel der Deutschen, die für Verschwörungstheorien empfänglich sind. Überzeugte Verschwörungstheoretiker machen nach seiner Schätzung etwa 10 Prozent der Bevölkerung aus. Die Corona-Pandemie hat daran laut mehreren Studien aus den Jahren 2020 und 2021 nichts geändert. Sie hat den Glauben vor allem sichtbarer gemacht.
Die Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung hat 2022/23 dagegen einen Anstieg gemessen. Verschwörungsgläubige, populistische und völkisch-autoritäre Positionen haben laut der Studie seit der Befragung während der Pandemie um rund ein Drittel zugenommen. Insgesamt vertraten 38 Prozent der Befragten verschwörungsgläubige Positionen.
Die Geschichte der Verschwörungstheorien
Vorformen hat es laut Butter schon im antiken Athen und Rom gegeben. Verschwörungstheorien im heutigen Sinn sind aber erst im 15. und 16. Jahrhundert entstanden, als der Buchdruck ihre Verbreitung ermöglicht hat. Bis in die 1950er Jahre haben sie in der westlichen Welt als anerkanntes Wissen gegolten. Politiker wie Abraham Lincoln und Winston Churchill haben an Verschwörungstheorien geglaubt, ebenso Intellektuelle wie Thomas Mann. Damals haben sie sich vor allem gegen angebliche Umstürzler "von unten" gerichtet, etwa gegen Freimaurer, Juden oder Kommunisten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg sind Verschwörungstheorien an den Rand gerückt. Forscher wie Theodor Adorno und Karl Popper haben ihre Gefahren und Denkfehler beschrieben, und die Öffentlichkeit hat sie zunehmend als Problem gesehen. Heute richten sie sich im Westen vor allem gegen angebliche Verschwörer "von oben", also gegen Eliten. Mit dem Internet ist es leichter geworden, sie zu verbreiten und Gleichgesinnte zu finden.
Verschwörungsvorwürfe gegen Juden und ihre Folgen
- 1321In Südfrankreich ist erstmals der Vorwurf dokumentiert, Juden hätten Brunnen vergiftet.
- 1347 bis 1353Während der Pest werden Juden beschuldigt, die Seuche durch vergiftete Brunnen verbreitet zu haben. In den folgenden Pestpogromen werden ganze jüdische Gemeinden zerstört.
- 19. JahrhundertKonservative, die Freimaurern und Illuminaten die Französische Revolution anlasten, erheben ähnliche Vorwürfe nun gegen Juden.
- 1903Die "Protokolle der Weisen von Zion" erscheinen erstmals in einer Zeitung im Russischen Zarenreich.
- 1921Die Londoner Zeitung The Times entlarvt die Protokolle als Fälschung, die großenteils aus einer französischen Satire abgeschrieben ist.
- 2017Im Oktober erscheinen auf dem Internetforum 4chan die ersten Beiträge von "Q", auf die die QAnon-Bewegung zurückgeht.
Verschwörungstheorien und Antisemitismus
Die "Protokolle der Weisen von Zion" geben vor, die Aufzeichnungen eines geheimen Treffens jüdischer Führer zu sein, auf dem die Übernahme der Weltherrschaft geplant worden sei. Nach dem United States Holocaust Memorial Museum sind sie die am weitesten verbreitete antisemitische Schrift der Neuzeit. Sie werden bis heute an neue Ereignisse angepasst, etwa an die Corona-Pandemie oder die Anschläge vom 11. September 2001.
Wie eng Verschwörungstheorien und Antisemitismus zusammenhängen, wird in der Forschung unterschiedlich beantwortet. Samuel Salzborn schreibt, dass jeder Verschwörungsmythos strukturell antisemitisch sei. Michael Butter sieht das anders. Nicht alle Verschwörungstheorien seien antisemitisch, aber der Antisemitismus sei zumindest in der Gegenwart immer mit Verschwörungsvorstellungen verbunden. Juden werde stets Verschlagenheit und Täuschung unterstellt.
Ein Beispiel ist QAnon. Den Kern dieser Erzählung bildet die angebliche Verschwörung einer satanistischen Elite, die Kinder missbraucht. Butter hält sie für eindeutig antisemitisch, weil "Q" immer wieder Juden wie George Soros oder die Familie Rothschild als Verschwörer benennt. Außerdem greift die Behauptung, die Verschwörer gewönnen aus dem Blut der Kinder einen geheimen Stoff, die mittelalterlichen Ritualmordlegenden gegen Juden auf. In Deutschland tragen Reichsbürger und Querdenker das "Q" inzwischen als Erkennungszeichen.
Wie man mit Verschwörungsgläubigen spricht
Wer einem überzeugten Verschwörungsgläubigen Fakten entgegenhält, erreicht oft wenig. Saba-Nur Cheema beschreibt in einem Beitrag zur politischen Bildung, dass viele Gläubige die Wissenschaftler, auf die man sich beruft, selbst für einen Teil der Verschwörung halten. Sie empfiehlt deshalb, nicht über Fakten zu streiten, sondern auf der Ebene der Beziehung zu bleiben. Eine Aussage für "verrückt" zu erklären, hilft nach ihrer Erfahrung nicht weiter.
- Woher hast du diese Information?
- Wer hat dir das erzählt?
- Warum glaubst du, dass das stimmt?
- Wobei hilft dir dieser Glaube?
Solche Fragen halten das Gespräch offen und geben dem Gegenüber die Möglichkeit, von einer Aussage wieder abzurücken. Wie Verschwörungstheorien mit gezielter Beeinflussung zusammenhängen, erklärt der Beitrag über Propaganda. Wer lieber lachen will, findet im nicht ganz ernst gemeinten Ratgeber zum Diskutieren ohne Argumente sieben Tricks, mit denen man eine Debatte ohne ein einziges Argument bestreitet.
Was behauptet eine Verschwörungstheorie?
Welche drei Grundannahmen nennt Michael Barkun?
Lassen sich Verschwörungstheorien nach Michael Butter widerlegen?
Wie viele Deutsche sind nach Butters Schätzung für Verschwörungstheorien empfänglich?
Was hat die Londoner Zeitung The Times 1921 über die "Protokolle der Weisen von Zion" berichtet?
Quellen 10
- Michael Butter, Verschwörungstheorien: Eine Einführung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 35-36/2021, Bundeszentrale für politische Bildung · Stand 01.01.2021, abgerufen 26.09.2026
- Pia Lamberty, Zwischen Theorien und Mythen: Eine kurze begriffliche Einordnung, Informationen zur politischen Bildung, Bundeszentrale für politische Bildung · abgerufen 26.09.2026
- Michael Butter, Antisemitische Verschwörungstheorien in Geschichte und Gegenwart, Dossier Antisemitismus, Bundeszentrale für politische Bildung, 26. November 2020 · Stand 26.11.2020, abgerufen 26.09.2026
- Samuel Salzborn, Verschwörungsmythen und Antisemitismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 35-36/2021, Bundeszentrale für politische Bildung · Stand 01.01.2021, abgerufen 26.09.2026
- Jessica Hoyer, Brunnenvergiftung und Pestpogrome, Glossar Antisemitismus, Bundeszentrale für politische Bildung · abgerufen 26.09.2026
- United States Holocaust Memorial Museum, Holocaust-Enzyklopädie, Die Protokolle der Weisen von Zion, zuletzt bearbeitet 25. Juni 2025 · Stand 25.06.2025, abgerufen 26.09.2026
- Verschwörungstheorien in sozialen Netzwerken am Beispiel von QAnon, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 35-36/2021, Bundeszentrale für politische Bildung · Stand 01.01.2021, abgerufen 26.09.2026
- Roland Imhoff und Pia Lamberty, Too special to be duped: Need for uniqueness motivates conspiracy beliefs, in: European Journal of Social Psychology, 2017 · Stand 01.01.2017, abgerufen 26.09.2026
- Friedrich-Ebert-Stiftung, Ergebniszusammenfassung der Mitte-Studie 2022/23, Die distanzierte Mitte · Stand 01.01.2023, abgerufen 26.09.2026
- Saba-Nur Cheema, Verschwörungserzählungen und politische Bildung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 35-36/2021, Bundeszentrale für politische Bildung · Stand 27.08.2021, abgerufen 26.09.2026
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quickpedia.de: "Verschwörungstheorie: Definition, Merkmale und woran man sie erkennt". Stand: 01.10.2026. Online unter: https://quickpedia.de/politik/verschwoerungstheorie (abgerufen am [Datum Deines Abrufs]).
quickpedia.de. (2026, 1. Oktober). Verschwörungstheorie: Definition, Merkmale und woran man sie erkennt. Abgerufen am [Datum Deines Abrufs], von https://quickpedia.de/politik/verschwoerungstheorie
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