Totalitarismus - Was ist das?

Totalitarismus bezeichnet eine Herrschaft, die die uneingeschränkte Verfügung über die Menschen und ihre völlige Unterwerfung unter ein politisches Ziel verlangt. Als Beispiele gelten vor allem der Nationalsozialismus und die Sowjetunion unter Stalin. Anders als autoritäre Diktaturen haben totalitäre Regime eine allumfassende Ideologie, dulden keine eigenständigen Kräfte neben sich und wollen die Massen mobilisieren. Heute gilt allenfalls Nordkorea noch als totalitär.
Totalitarismus bezeichnet eine politische Herrschaft, die die uneingeschränkte Verfügung über die Beherrschten und ihre völlige Unterwerfung unter ein politisches Ziel verlangt. Eine totalitäre Herrschaft gibt sich also nicht damit zufrieden, dass die Menschen stillhalten. Sie will ihr ganzes Leben erfassen, von der Arbeit über die Freizeit bis zum Denken. Als klassische Beispiele gelten der Nationalsozialismus und die Sowjetunion unter Stalin. Totalitarismus ist damit eine besonders extreme Form der Diktatur und das Gegenteil einer offenen, pluralen Demokratie.
Woher das Wort kommt
Geprägt haben das Wort die Gegner Mussolinis. Der italienische Liberale Giovanni Amendola hat den Faschismus im Mai 1923 in einem Zeitungsartikel als "sistema totalitario" bezeichnet, das "absolute und unkontrollierte Herrschaft" anstrebe. Nach Hans-Gerd Jaschke geht der Begriff auch auf die Selbstdarstellung des italienischen Faschismus unter Mussolini zurück. Im deutschsprachigen Raum hat der katholische Publizist Waldemar Gurian als Erster von "Totalitarismus" gesprochen, um Bolschewismus und Faschismus zu kennzeichnen.
Schon diese frühen Autoren haben eine Beobachtung gemacht, die bis heute gilt. Faschismus und Bolschewismus ließen sich mit den alten Begriffen für Herrschaftsformen nicht mehr fassen. Sie waren keine gewöhnlichen Gewaltherrschaften, sondern etwas Neues.
Woran man ein totalitäres System erkennt
Die klassische Liste der Merkmale stammt von dem in Harvard lehrenden Carl J. Friedrich. In dem Standardwerk "Totalitarian Dictatorship and Autocracy", das er mit Zbigniew Brzezinski veröffentlicht hat, sind es sechs.
- Eine offizielle Ideologie, die alle Bereiche des Lebens umfasst und eine vollkommene Endgesellschaft verspricht
- Eine einzige Massenpartei, meist unter einem einzigen Führer und eng mit dem Staat verflochten
- Ein fast vollständiges Monopol über alle entscheidenden Waffen
- Ein fast vollständiges Monopol über alle entscheidenden Massenmedien
- Eine terroristische Polizeikontrolle, die sich auch gegen willkürlich herausgegriffene Gruppen der Bevölkerung richtet
- Eine zentral gelenkte Wirtschaft
Nach Friedrich ist eine Diktatur totalitär, wenn alle sechs Merkmale erfüllt sind. Clemens Vollnhals weist allerdings auf ein Problem hin. Der italienische Faschismus hat keinen vergleichbaren Terror entwickelt, und weder der Faschismus noch der Nationalsozialismus hatten eine staatlich gelenkte Wirtschaft. Wendet man die Liste streng an, bleibt nach Vollnhals nur der Bolschewismus übrig.
Autoritär oder totalitär
Den Unterschied zwischen autoritären und totalitären Regimen hat der deutsch-spanische Politikwissenschaftler Juan Linz 1964 herausgearbeitet. Er hatte vor allem Spanien unter Francisco Franco im Blick. Für dieses Regime war ihm das Konzept des Totalitarismus zu eng und zu extrem. Linz hat daraus drei Unterschiede abgeleitet.
Autoritäres Regime
Eine in der Gesellschaft verbreitete Mentalität, ein begrenzter Pluralismus und nur wenig politische Mobilisierung
Totalitäres Regime
Eine umfassende, utopische Ideologie, keine eigenständigen Kräfte neben der Herrschaft und die Mobilisierung der Massen
Ein autoritäres Regime ist in der Politikwissenschaft deshalb eine nicht-totalitäre Nicht-Demokratie. Heute ist diese Form nach Johannes Gerschewski der vorherrschende Typ. Wie sich autoritäre Herrschaft heute zeigt, beschreibt der Beitrag über die Autokratie.
Die meisten Diktaturen sind nicht totalitär, sondern autoritär. Nach Johannes Gerschewski sind heute so gut wie alle nicht-demokratischen Regime autoritär. Allenfalls Nordkorea kann mit Abstrichen noch als totalitär gelten. Auch die Militärregime in Chile unter Augusto Pinochet und in Argentinien unter Jorge Rafael Videla zählt er zu den autoritären Regimen. Selbst der italienische Faschismus war nach Einschätzung von Waldemar Gurian "lange nicht so total wie der bolschewistische", weil er der Kirche mit einem Konkordat Freiraum gelassen hat.
Was Hannah Arendt beschrieben hat
Die Philosophin Hannah Arendt hat 1951 ihr Buch über die totale Herrschaft veröffentlicht, zuerst auf Englisch. Die deutsche Ausgabe ist 1955 als "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" erschienen. Ihr beigefügt war der Essay "Ideologie und Terror", der heute am häufigsten zitiert wird. Für Arendt war der Terror nicht nur ein Mittel, um die Macht zu sichern. Er war das Wesen totaler Herrschaft. Er zerstört die Beziehungen zwischen den Menschen, bis jeder allein dasteht.
Hannah Arendt, "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft", über das Ziel des TerrorsMenschen so zu organisieren, als gäbe es sie gar nicht im Plural, sondern nur im Singular.
Die Lager waren für Arendt das "richtungsgebende Gesellschaftsideal" totalitärer Herrschaft. Dort sollte die Spontaneität des Menschen abgeschafft werden. Wie sich Konzentrationslager und Vernichtungslager unterscheiden, erklärt ein eigener Beitrag. Weil der Terror für Arendt den Kern ausmachte, hat sie das Wort eng ausgelegt. 1966 hat sie geschrieben, dass man die Sowjetunion seit Stalins Tod nicht mehr "im strengen Sinne des Wortes" totalitär nennen könne. Sie hat dafür plädiert, "mit dem Wort totalitär sparsam und vorsichtig umzugehen".
Die Ideologie diente nach Arendt dazu, die Massen geistig zu beherrschen. Der Terror sollte sie ständig mobilisieren. Welche Rolle dabei die Propaganda spielt, erklärt ein eigener Beitrag.
Warum der Begriff umstritten ist
Der Totalitarismusbegriff vergleicht die Herrschaft des Nationalsozialismus mit der des Stalinismus. Daran hat es immer wieder Kritik gegeben. Nach Vollnhals war sie teils politisch motiviert, etwa bei Autoren, die mit dem Kommunismus sympathisiert haben. Forscher, die sich mit dem Kommunismus beschäftigt haben, haben Friedrichs Liste dagegen als zu schematisch empfunden, um die Veränderungen in der Sowjetunion zu erfassen.
Vollnhals selbst betont, dass aus gleichen Herrschaftsmitteln keine gleichen Ziele folgen. Der Nationalsozialismus beruhte auf Rassismus und dem Willen zum Krieg, und die Vernichtung des europäischen Judentums gehörte zu seinen Zielen. Der Holocaust lässt sich nach Vollnhals deshalb nicht mit dem sowjetischen Lagersystem des Gulag gleichsetzen, das mit Zwangsarbeit die Industrialisierung vorantreiben sollte. Mehr zu diesem Vergleich steht im Beitrag Kommunismus vs. Faschismus.
Umstritten ist auch, ob die DDR totalitär war. Nach den klassischen Konzepten von Friedrich und Arendt lassen sich die kommunistischen Regime nach Stalin nur als posttotalitär bezeichnen, weil ihnen der vergleichbare Terror fehlte. Neuere Ansätze stellen dagegen die totale Kontrolle in den Vordergrund, und nach ihnen lassen sich auch die DDR und die übrigen Ostblockstaaten als totalitär bezeichnen. Vollnhals rät deshalb, den Begriff genau zu bestimmen, wenn man ihn für die DDR verwendet.
Wer hat den Faschismus 1923 als erster als "sistema totalitario" bezeichnet?
Welches Merkmal haben Friedrich und Brzezinski als sechstes aufgenommen?
Was unterscheidet ein autoritäres Regime nach Juan Linz von einem totalitären?
Was war für Hannah Arendt das Wesen totaler Herrschaft?
Welcher heutige Staat kann nach Johannes Gerschewski allenfalls noch als totalitär gelten?
Quellen 4
- Klaus Schubert und Martina Klein, Totalitarismus, in: Das Politiklexikon, 7. Auflage 2020, Lizenzausgabe Bundeszentrale für politische Bildung · Stand 01.01.2020, abgerufen 26.09.2026
- Clemens Vollnhals, Der Totalitarismusbegriff im Wandel, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 39/2006, Bundeszentrale für politische Bildung, 21. September 2006 · Stand 21.09.2006, abgerufen 26.09.2026
- Hans-Gerd Jaschke, Totalitarismus, Dossier Linksextremismus, Bundeszentrale für politische Bildung · abgerufen 26.09.2026
- Johannes Gerschewski, Was ist Autoritarismus?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 35-37/2026, Bundeszentrale für politische Bildung, 22. August 2026 · Stand 22.08.2026, abgerufen 26.09.2026
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quickpedia.de: "Totalitarismus: Definition, Merkmale und Unterschied zur Diktatur". Stand: 26.09.2026. Online unter: https://quickpedia.de/politik/totalitarismus (abgerufen am [Datum Deines Abrufs]).
quickpedia.de. (2026, 26. September). Totalitarismus: Definition, Merkmale und Unterschied zur Diktatur. Abgerufen am [Datum Deines Abrufs], von https://quickpedia.de/politik/totalitarismus
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