Hans Litten

Hans Litten war ein Berliner Strafverteidiger, der am 8. Mai 1931 Adolf Hitler als Zeugen vernehmen ließ und ihm vor Gericht nachzuweisen versuchte, dass die NSDAP ihr Versprechen, nur auf legalem Weg an die Macht zu wollen, selbst nicht ernst meinte. Dafür haben die Nationalsozialisten ihn ab dem Reichstagsbrand fünf Jahre lang in Gefängnissen und Konzentrationslagern festgehalten, bis er sich 1938 in Dachau das Leben genommen hat.
Hans Litten hat in Berlin Menschen verteidigt, die von SA-Leuten zusammengeschlagen worden waren, und am 8. Mai 1931 hat er den Mann in den Zeugenstand geholt, dessen Partei dahinterstand. Stundenlang hat er Adolf Hitler Sätze aus den eigenen Schriften der Partei vorgehalten, bis der Parteiführer schreiend die Beherrschung verlor. Litten war damals 27 Jahre alt. Sieben Jahre später ist er im Konzentrationslager Dachau gestorben.
Geboren ist er am 19. Juni 1903 in Halle an der Saale, gestorben in der Nacht vom 4. auf den 5. Februar 1938. Als Anwalt hat er fünf Jahre gearbeitet, in Gefängnissen und Lagern hat er fast genauso lange gesessen.
Ein Jurist gegen den Willen des Vaters
Der Weg schien vorgezeichnet. Sein Vater Fritz Litten hat ab 1908 an der Universität Königsberg Jura gelehrt und war zeitweise ihr Rektor. Er stammte aus einer wohlhabenden jüdischen Familie und hatte sich taufen lassen, weil ihm die Karriere sonst verschlossen geblieben wäre. Die Mutter Irmgard kam aus einer schwäbischen Pfarrer- und Professorenfamilie und hat sich für Kunst interessiert, nicht für die nationalkonservativen Kreise, in denen ihr Mann verkehrte.
Der Sohn wollte Kunstwissenschaften studieren. Der Vater hat auf Jura bestanden, weil er die diplomatische Laufbahn im Sinn hatte. Was Hans Litten davon hielt, steht in seinem Tagebuch: "Als sich der Ochs im Paradies langweilte, erfand er die Jurisprudenz."
Studiert hat er trotzdem, und zwar gründlich. Prägender als die Universität war die jüdische Jugendbewegung in Königsberg, in der er seinen engsten Freund Max Fürst kennengelernt und sich dem Judentum zugewandt hat, das sein Vater aufgegeben hatte. Nach hervorragenden Examen hat er Angebote aus dem Reichsjustizministerium und aus einer gutgehenden Kanzlei ausgeschlagen. 1928 ist er in Berlin als Anwalt zugelassen worden und in die Kanzlei von Ludwig Barbasch eingetreten.
Bekannt wurde er schnell. Nach der blutigen Niederschlagung der Berliner Maidemonstrationen 1929 hat er gegen den Polizeipräsidenten Strafanzeige wegen Anstiftung zum Mord in 33 Fällen erstattet. Danach hat er vor allem Arbeiter verteidigt und Opfer nationalsozialistischer Gewalt vertreten, oft für die der KPD nahestehende Rote Hilfe. Parteimitglied war er nie. Auf die Frage eines Kollegen, ob sie zusammen eine Partei gründen sollten, hat er geantwortet, zwei seien für seine Partei schon zu viel.
Der Edenpalast-Prozess
Im November 1930 hat der berüchtigte SA-Sturm 33 eine Veranstaltung des Arbeiter-Wandervereins "Falke" im Berliner Tanzpalast Eden überfallen. Vier Menschen sind schwer verletzt worden. Am 18. April 1931 hat der Prozess gegen die beteiligten SA-Leute begonnen, angeklagt wegen versuchten Totschlags, Landfriedensbruchs und Körperverletzung. Litten hat die vier Verletzten als Nebenkläger vertreten.
Ihm ging es um mehr als um diesen einen Überfall. Er wollte beweisen, dass der SA-Sturm ein Rollkommando war und dass sein Einsatz mit Wissen der Parteileitung angeordnet worden ist. Das traf die NSDAP an ihrer empfindlichsten Stelle. Seit dem Ulmer Reichswehrprozess im September 1930 versicherte Hitler öffentlich, seine Partei verfolge ihre Ziele ausschließlich auf legalem Weg. Dieser Legalitätskurs war die Eintrittskarte in die bürgerliche Gesellschaft, und Litten wollte zeigen, was sie wert war.
Auf seinen Antrag hin ist Hitler am 8. Mai 1931 als Zeuge vernommen worden. Litten hat ihm die Schrift "Der Nazi-Sozi" des Reichspropagandaleiters Joseph Goebbels vorgehalten, in der stand, man müsse das Parlament sprengen, die Regierung zum Teufel jagen und die Gegner zu Brei zerstampfen. Seine Frage daran war einfach. Wie kann eine Partei auf Legalität schwören, wenn sie den Verfasser solcher Sätze nicht rügt, sondern zum Propagandachef macht? Hitler hat erklärt, er könne unter Eid nicht mehr sagen, ob er das Buch damals gekannt habe, und die Broschüre sei ohnehin nicht parteiamtlich. Am Nachmittag hat Litten nachgewiesen, dass der Parteiverlag die Schrift übernommen hatte.
Adolf Hitler im Zeugenstand, protokolliert am 8. Mai 1931Wie kommen Sie dazu, Herr Rechtsanwalt, zu sagen, das ist eine Aufforderung zur Illegalität? Das ist eine durch nichts zu beweisende Erklärung!
Am Ende hat Hitler seine Verfassungstreue beschworen. Später hat Litten gesagt, es sei ihm gelungen, Hitler zum Legalitätseid zu zwingen. Es war ein Meineid, wie sich zwei Jahre später gezeigt hat.
Angeklagt waren SA-Männer, nicht ihr Parteiführer. Hitler ist als Zeuge geladen worden, und zwar auf Antrag Littens, der gar nicht die Verteidigung geführt hat, sondern die Opfer vertrat. Genau darin lag der Kniff. Ein Zeuge muss antworten, und er antwortet unter Eid.
Die Rechnung kam schon vor 1933
Der Auftritt hat Litten zur Zielscheibe gemacht. Im Felseneck-Prozess im August 1932 ist er kurzerhand von der Verteidigung ausgeschlossen worden, ohne gesetzliche Grundlage. Das Kammergericht hat den Beschluss zunächst aufgehoben und den zweiten Ausschluss dann bestätigt. Dazu hat es festgestellt, eigene Ermittlungen eines Verteidigers während der Hauptverhandlung seien grundsätzlich unzulässig. In der Berliner Anwaltschaft hat das einen Aufruhr ausgelöst, und selbst Kollegen, die ihm politisch fernstanden, haben sich hinter ihn gestellt.
Wenig später hat er in einem weiteren Verfahren nachgewiesen, dass SA-Leute ihre eigenen Männer angeschossen hatten. Alle neun angeklagten Arbeiter sind freigesprochen worden, obwohl ihnen nach dem damaligen Notverordnungsrecht die Todesstrafe drohte. Die nationalsozialistische Presse hat ihn als "Rot-Mord-Verteidiger" beschimpft, und öffentlich auftreten konnte er nur noch unter Bewachung.
Freunde und seine Mutter haben ihn gedrängt, das Land zu verlassen. Seine Antwort ist überliefert: "Die Millionen Arbeiter können nicht heraus, also muss ich auch hier bleiben."
Fünf Jahre Haft
In der Nacht des Reichstagsbrands ist die Verordnung zum Schutz von Volk und Staat ergangen, die wichtige Grundrechte außer Kraft gesetzt und den Weg in die Diktatur geöffnet hat. Noch in den frühen Morgenstunden des 28. Februar 1933 ist Litten aus der Wohnung geholt worden.
Die Stationen der Haft
- 28.2.1933Verhaftung in Berlin, kurz darauf Gefängnis Spandau
- April 1933KZ Sonnenburg, im selben Transport der Publizist Erich Mühsam und der Herausgeber der Weltbühne Carl von Ossietzky
- Oktober 1933Zuchthaus Brandenburg, wochenlange Einzelhaft
- Januar 1934KZ Esterwegen im Emsland, Zwangsarbeit trotz schwerer Verletzungen
- Mitte 1934KZ Lichtenburg, wo er über drei Jahre bleibt und in der Lagerbibliothek arbeitet
- Sommer 1937KZ Buchenwald
- 16.10.1937KZ Dachau, Block 6
- 5.2.1938Mithäftlinge finden ihn erhängt
Seine Mutter Irmgard hat fünf Jahre lang um seine Freilassung gekämpft und dafür jeden Kontakt aus der Königsberger Zeit benutzt. Sie hat beim Reichswehrminister vorgesprochen, beim Reichsjustizminister, beim Kronprinzen. Englische Juristen haben 1935 eine Petition eingereicht. Nichts hat geholfen. Vom späteren Volksgerichtshof-Präsidenten Roland Freisler ist der Satz überliefert, niemand werde etwas für Litten tun können, denn Hitler laufe schon beim bloßen Namen rot an. 1940 hat Irmgard Litten im englischen Exil ihren Bericht darüber veröffentlicht, "Eine Mutter kämpft gegen Hitler".
Im KZ Lichtenburg hat die SS eine Feier angeordnet, und Litten sollte etwas vortragen. Vor SS-Männern im Publikum hat er ein Lied rezitiert, das ihm aus der Jugendbewegung wichtig geblieben war: "Die Gedanken sind frei". Seine Mitgefangenen haben verstanden, was da gerade passiert ist. Die Bewacher haben es offenbar nicht gemerkt.
Im Fernsehen und auf der Bühne
Wer Litten heute begegnet, tut das meistens in einer Serie. In "Babylon Berlin" gehört er seit der dritten Staffel zum Personal, gespielt von Trystan Pütter. Die Staffel spielt 1929, also in den Jahren, in denen der echte Litten für die Rote Hilfe vor Gericht stand.
Sein Auftritt gegen Hitler ist schon vorher verfilmt worden. Der BBC-Fernsehfilm "The Man Who Crossed Hitler" von 2011 erzählt allein den Edenpalast-Prozess, mit Ed Stoppard als Litten und Ian Hart als Hitler. Geschrieben hat ihn Mark Hayhurst.
Derselbe Autor hat den Stoff 2014 auf die Bühne gebracht, unter dem Titel "Taken at Midnight". Das Stück stellt nicht den Anwalt ins Zentrum, sondern seine Mutter und ihren Kampf um seine Freilassung. Die deutschsprachige Erstaufführung war am 8. Oktober 2016 am Staatstheater Nürnberg, unter dem Titel "Der Prozess des Hans Litten". Die Rolle der Mutter hat dort Patricia Litten übernommen, eine Nichte des Anwalts.
Was von ihm geblieben ist
Sein Grab liegt auf dem Friedhof Pankow III in Berlin. Eine Gedenktafel für ihn ist schon 1951 enthüllt worden, und die Straße in Berlin-Mitte, an der das alte Land- und Amtsgericht steht, trägt heute seinen Namen. In der Littenstraße 9 sitzt die Bundesrechtsanwaltskammer. Ihr Haus heißt Hans-Litten-Haus und trägt seit 2010 eine Gedenkplakette. Die Vereinigung Demokratischer Juristinnen und Juristen vergibt einen Hans-Litten-Preis für demokratisches Engagement im Beruf.
An ihn erinnert wird nicht, weil er Hitler aufgehalten hätte. Das hat er nicht geschafft, und der Legalitätseid von 1931 war das Papier nicht wert, auf dem er protokolliert worden ist. Geblieben ist etwas anderes. Litten hat mit den Mitteln eines Rechtsstaats gearbeitet, der sich selbst kaum noch ernst genommen hat, und er hat vor einem Gericht sichtbar gemacht, was die Beteuerungen der NSDAP wirklich wert waren. Zugehört hat kaum jemand, der es hätte hören müssen.
In welcher Rolle ist Hitler am 8. Mai 1931 vor Gericht erschienen?
Was wollte Litten mit der Befragung erreichen?
Wann ist Litten verhaftet worden?
Quellen 8
- Cord Brügmann, Unvergessener Anwalt: Hans Litten, Anwaltsblatt 1998, S. 75-81 (Deutscher Anwaltverein) · abgerufen 19.09.2026
- Bundesrechtsanwaltskammer, Gedenken an den 85. Todestag von Rechtsanwalt Hans Litten · Stand 05.02.2023, abgerufen 19.09.2026
- Gedenktafeln in Berlin (Aktives Museum Faschismus und Widerstand / Gedenkstätte Deutscher Widerstand), Hans Litten, Littenstraße 14-15 · abgerufen 19.09.2026
- Vereinigung Demokratischer Juristinnen und Juristen, Der Hans-Litten-Preis · abgerufen 19.09.2026
- filmportal.de, Babylon Berlin Staffel 3 (Besetzung: Trystan Pütter als Litten) · abgerufen 20.09.2026
- nachtkritik.de, Der Prozess des Hans Litten (deutschsprachige Erstaufführung, Staatstheater Nürnberg) · Stand 09.10.2016, abgerufen 20.09.2026
- theartsdesk.com, The Man Who Crossed Hitler, BBC Two (Besprechung des Fernsehfilms von 2011) · abgerufen 20.09.2026
- Landgericht Berlin II, Das Gerichtsgebäude in der Littenstraße · abgerufen 19.09.2026
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quickpedia.de: "Hans Litten - Anwalt gegen Hitler, Leben und Prozesse". Stand: 20.09.2026. Online unter: https://quickpedia.de/politik/hans-litten (abgerufen am [Datum Deines Abrufs]).
quickpedia.de. (2026, 20. September). Hans Litten - Anwalt gegen Hitler, Leben und Prozesse. Abgerufen am [Datum Deines Abrufs], von https://quickpedia.de/politik/hans-litten
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