Bürgerversicherung - Was ist das?

Die Bürgerversicherung ist das Modell einer gemeinsamen Krankenversicherung für alle Menschen in Deutschland, in die auch Beamte, Selbstständige und Gutverdiener einzahlen, und zwar nach ihrem gesamten Einkommen. Sie würde das Nebeneinander von gesetzlicher und privater Krankenversicherung beenden. SPD, Grüne und Linke fordern sie, CDU und CSU lehnen sie ab.
Die Bürgerversicherung ist das Modell einer Krankenversicherung, in der alle Menschen in Deutschland nach denselben Regeln versichert sind. Beamte, Selbstständige und Angestellte mit hohem Gehalt würden genauso einzahlen wie alle anderen, und zwar nach ihrem gesamten Einkommen, nicht nur nach dem Lohn. Damit wäre die Trennung zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung aufgehoben.
Wie das System heute aufgebaut ist
Deutschland hat zwei Krankenversicherungen nebeneinander. Die gesetzliche Krankenversicherung zählte am 1. Juni 2026 rund 74,6 Millionen Versicherte, mitversicherte Familienangehörige eingerechnet. Privat vollversichert waren Ende 2025 rund 8,79 Millionen Menschen.
Wer wohin gehört, hängt vor allem vom Beruf und vom Einkommen ab. Angestellte sind gesetzlich pflichtversichert, bis ihr Jahresgehalt die Versicherungspflichtgrenze übersteigt. Sie liegt 2026 bei 77.400 Euro. Wer mehr verdient, darf in die private Versicherung wechseln. Beamte und Selbstständige können das unabhängig vom Einkommen.
Beamte sind dabei ein Sonderfall, der die ganze Debatte prägt. Ihr Dienstherr zahlt keinen Arbeitgeberanteil zur Krankenkasse, sondern erstattet über die sogenannte Beihilfe einen Teil der Krankheitskosten. Den Rest sichern sie meist privat ab, weil die gesetzliche Kasse für sie deutlich teurer wäre.
Zwei Systeme, zwei Logiken
Gesetzliche Krankenversicherung
Der Beitrag richtet sich nach dem Einkommen, 2026 bis zur Beitragsbemessungsgrenze von 69.750 Euro im Jahr. Familienangehörige ohne eigenes Einkommen sind kostenlos mitversichert.
Private Krankenversicherung
Der Beitrag richtet sich nach Alter, Gesundheitszustand und gewähltem Tarif. Jede versicherte Person braucht einen eigenen Vertrag.
Was eine Bürgerversicherung ändern würde
Hinter dem Begriff stehen drei Stellschrauben, die schon in den frühen Entwürfen genannt worden sind. Erstens würden alle versicherungspflichtig, auch die Gruppen, die heute wählen dürfen. Zweitens zählten neben dem Lohn auch Mieten, Zinsen und Gewinne aus Aktien zum beitragspflichtigen Einkommen. Drittens stünde die Beitragsbemessungsgrenze zur Debatte, also die Einkommensschwelle, oberhalb derer heute kein zusätzlicher Beitrag mehr fällig wird.
Ein fertiges Gesetz gibt es nicht, und die Parteien meinen nicht dasselbe. Die SPD will die privaten Versicherer in den Finanzausgleich der Krankenkassen einbeziehen. Verpflichtend soll die Bürgerversicherung nach ihrem Programm zunächst nur für gesetzlich Versicherte und Neuversicherte sein. Die Grünen wollen die Privatversicherten ebenfalls in diesen Ausgleich einbeziehen. Die Linke will eine Versicherung, in die ausnahmslos alle einzahlen, und rechnet damit, dass der Beitragssatz so von 17,1 auf 13,3 Prozent sinken könnte.
Eine Bürgerversicherung bedeutet nicht, dass es nur noch eine einzige Krankenkasse gibt. Gemeint ist ein gemeinsames Regelwerk für alle, unter dem weiterhin viele Kassen im Wettbewerb stehen können, auch private Versicherer. Die Niederlande machen das seit 2006 so. Dort muss sich jeder Einwohner versichern, und jeder Versicherer muss jeden Antragsteller für das Basispaket annehmen.
Woher die Idee kommt
Bekannt geworden ist die Idee Anfang der 2000er Jahre, als die Finanzierung der Krankenkassen zum Dauerthema geworden war. Eine Regierungskommission unter dem Ökonomen Bert Rürup sollte Vorschläge machen und konnte sich nicht einigen. Sie hat deshalb zwei gegensätzliche Modelle nebeneinandergestellt, die Bürgerversicherung und die Kopfpauschale, bei der jeder Versicherte denselben Betrag zahlt. An diesen beiden Polen hat sich die Debatte seither ausgerichtet.
Stationen einer langen Debatte
- August 2003Die Rürup-Kommission übergibt ihren Bericht und legt Bürgerversicherung und Kopfpauschale nebeneinander vor.
- 01.01.2006In den Niederlanden tritt eine Pflichtversicherung für die gesamte Bevölkerung in Kraft.
- 01.08.2018Hamburg lässt neue Beamte erstmals zwischen Beihilfe und einem Zuschuss zur gesetzlichen Kasse wählen.
- Mai 2025Die Koalition aus CDU, CSU und SPD tritt ihr Amt an, ohne Bürgerversicherung im Koalitionsvertrag.
- 21.09.2026Kanzler Friedrich Merz nennt das Nebeneinander der beiden Systeme ein "Gerechtigkeitsproblem".
- 23.09.2026CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann schließt eine Bürgerversicherung aus.
Wie weit die Positionen auseinanderliegen, hat der September 2026 gezeigt. Nach den Wahlniederlagen von Union und SPD in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern hat Merz gesagt, viele empfänden das Nebeneinander von privater und gesetzlicher Versicherung als "Gerechtigkeitsproblem", und er sei zu Änderungen bereit. Zwei Tage später hat Hoppermann klargestellt, eine Bürgerversicherung werde es "nicht mit der CDU und auch sicherlich nicht mit der CSU" geben. Der Kanzler habe Wartezeiten und Patientensteuerung gemeint, nicht den Umbau des Systems.
Was dafür und was dagegen spricht
Die Befürworter argumentieren mit Gerechtigkeit. Heute verlassen ausgerechnet Menschen mit hohem Einkommen die Solidargemeinschaft, oft auch Menschen mit gutem Gesundheitszustand, weil die private Versicherung für sie günstiger ist. Die gesetzliche Kasse behält dagegen Familien, Geringverdiener und chronisch Kranke. Dazu kommt der Alltag in den Praxen. Weil Ärzte für Privatpatienten nach einer eigenen Gebührenordnung höhere Honorare abrechnen, bekommen diese oft schneller einen Termin.
Die Gegner halten dagegen, dass gerade dieses Geld das Gesundheitswesen mitträgt. Fielen die höheren Honorare weg, fehlten sie vielen Praxen. Außerdem verweisen sie darauf, dass die privaten Versicherer für das Alter ihrer Kunden vorsorgen. Sie haben Rückstellungen von rund 355 Milliarden Euro gebildet (Stand Ende 2025), und was mit diesem Geld bei einem Umbau geschähe, ist eine der schwierigsten Fragen der ganzen Debatte. Hinzu kommen die Beamten. Ihre Beihilfe ist Teil der Fürsorgepflicht des Staates, und ein Umbau würde Bund und Länder zunächst zusätzliches Geld kosten.
Der Weg über die Beamten
Einige Länder haben einen Umweg gewählt, der ohne Systemwechsel auskommt. Hamburg hat 2018 die pauschale Beihilfe eingeführt. Neue Beamte können seitdem wählen, ob sie in die gesetzliche Kasse gehen, und der Dienstherr übernimmt dann die Hälfte des Beitrags, so wie ein Arbeitgeber. Die Entscheidung gilt für das ganze Berufsleben.
Bis Juli 2026 sind neun weitere Länder diesem Beispiel gefolgt, von Bremen bis Mecklenburg-Vorpommern. Der Bund, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und das Saarland bieten das Modell nicht an. Eine Bürgerversicherung ist die pauschale Beihilfe nicht, denn niemand wird gezwungen. Sie baut aber genau die Hürde ab, die Beamte bisher fast zwangsläufig in die private Versicherung geführt hat.
Wer würde in einer Bürgerversicherung zusätzlich einzahlen?
Welches Gegenmodell hat die Rürup-Kommission 2003 neben die Bürgerversicherung gestellt?
Was ändert die pauschale Beihilfe, die Hamburg 2018 eingeführt hat?
Quellen 13
- Bundesministerium für Gesundheit, Gesetzliche Krankenversicherung - Mitglieder, mitversicherte Angehörige und Krankenstand, Monatswerte Januar bis Juni 2026 (KM1) · Stand 02.07.2026, abgerufen 23.09.2026
- PKV-Verband, PKV-Branchenzahlen: Private Krankenversicherung auch 2025 mit stabilem Wachstum · Stand 04.02.2026, abgerufen 23.09.2026
- Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Bundeskabinett beschließt Sozialversicherungsrechengrößen 2026 · Stand 08.10.2025, abgerufen 23.09.2026
- Jens Flintrop, Lexikon: Bürgerversicherung, Deutsches Ärzteblatt, Heft 43/2003 · abgerufen 23.09.2026
- Gabler Wirtschaftslexikon, Rürup-Kommission · abgerufen 23.09.2026
- Verantwortung für Deutschland, Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD, 21. Legislaturperiode, 2025 · abgerufen 23.09.2026
- AOK, Presse und Politik: SPD und Grüne wollen neuen Anlauf zur Bürgerversicherung, 17. Dezember 2024 · Stand 17.12.2024, abgerufen 23.09.2026
- Ärzte Zeitung, Wahlprogramm-Check zur GKV-Finanzierung · abgerufen 23.09.2026
- Freie und Hansestadt Hamburg, FAQ Pauschale Beihilfe, Stand 7. Januar 2025 · Stand 07.01.2025, abgerufen 23.09.2026
- Deutsche Beamtenversorgung, Pauschale Beihilfe: Höhe, Bundesländer und Vergleich (Länderübersicht Stand Juli 2026) · abgerufen 23.09.2026
- Zorgverzekeringswet, Wet van 16 juni 2005, geltend ab 1. Januar 2006 · abgerufen 23.09.2026
- Government of the Netherlands, Standard health insurance · abgerufen 23.09.2026
- Tagesspiegel, "Nicht mit der CDU": Hoppermann erteilt Bürgerversicherung klare Abfuhr, 23. September 2026 · Stand 23.09.2026, abgerufen 23.09.2026
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quickpedia.de: "Bürgerversicherung einfach erklärt - Idee, Streit und Stand 2026". Stand: 23.09.2026. Online unter: https://quickpedia.de/politik/buergerversicherung (abgerufen am [Datum Deines Abrufs]).
quickpedia.de. (2026, 23. September). Bürgerversicherung einfach erklärt - Idee, Streit und Stand 2026. Abgerufen am [Datum Deines Abrufs], von https://quickpedia.de/politik/buergerversicherung
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