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Antiziganismus

Besucherinnen und Besucher lesen an einer langen Wand aus Glastafeln mit Schwarz-Weiß-Porträts und Texten, dahinter Bäume und ein Altbau
Die Informationswand am Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma in Berlin, hier im April 2024. Sie erzählt ihre Geschichte in Porträts und Texten (Foto: Mo Photography Berlin / Shutterstock)
Die schnelle Antwort

Antiziganismus ist Rassismus gegen Sinti und Roma und gegen Menschen, die als "Zigeuner" abgestempelt werden. Er reicht von Vorurteilen über Diskriminierung bis zur Gewalt und hat im Nationalsozialismus zum Völkermord an mehr als 500.000 Menschen geführt.

Antiziganismus ist Rassismus gegen Sinti und Roma und gegen alle, die als "Zigeuner" abgestempelt werden. Wie der Antisemitismus oder die Homophobie schreibt er einer ganzen Gruppe Eigenschaften zu, die angeblich angeboren sind: nicht sesshaft, kriminell, arbeitsscheu. Das reicht von der Abneigung gegen die Nachbarn über Benachteiligung bei der Wohnungssuche und in der Schule bis zu Vertreibung und Gewalt. Im Nationalsozialismus hat er in einen Völkermord geführt, dem mehr als 500.000 Sinti und Roma zum Opfer gefallen sind.

Sinti und Roma sind keine Neuankömmlinge in Deutschland. Urkundlich erwähnt werden sie hier zum ersten Mal 1407, in der Bischofsstadt Hildesheim. Als Sinti bezeichnet man die Angehörigen der Minderheit, die in West- und Mitteleuropa beheimatet sind, als Roma diejenigen ost- und südosteuropäischer Herkunft.

Ist "Antiziganismus" das richtige Wort?

Das Wort ist umstritten, weil es die abwertende Fremdbezeichnung "Zigeuner" selbst enthält. Manche Selbstorganisationen benutzen es trotzdem, gerade um die Zuschreibung sichtbar zu machen, die darin steckt. Andere sprechen lieber von "Rassismus gegen Sinti und Roma", von "Antiromaismus" oder von "Gadje-Rassismus". Gadje ist das Romanes-Wort für Menschen, die keine Sinti oder Roma sind. Der Begriff verlegt den Blick damit von den Betroffenen auf die, von denen der Rassismus ausgeht.

Woraus die Vorurteile bestehen

Der Kern des Antiziganismus ist das Bild vom "Zigeuner", das mit den wirklichen Menschen wenig zu tun hat. Es verbindet drei Behauptungen, die sich seit Jahrhunderten halten. Sinti und Roma seien nicht sesshaft, sie neigten zur Kriminalität, und sie wollten nicht arbeiten. Wer so denkt, sieht im Einzelnen nicht mehr den Menschen, sondern nur noch das Etikett.

Vom Vorurteil zum Völkermord

Antiziganismus lässt sich in Europa bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen. Seine schlimmste Folge war der Völkermord im Nationalsozialismus. Sinti und Roma nennen ihn in ihrer Sprache Porajmos oder Samudaripen.

Verfolgung und späte Anerkennung

  • 1407Sinti werden in Hildesheim erstmals urkundlich erwähnt.
  • 16. Dezember 1942Mit dem sogenannten Auschwitz-Erlass ordnet Heinrich Himmler die Deportation der Sinti und Roma nach Auschwitz an.
  • 2. und 3. August 1944Die SS löst das sogenannte Zigeunerlager in Auschwitz-Birkenau auf und ermordet in den Gaskammern die letzten rund 4.300 Häftlinge.
  • bis 1945Mehr als 500.000 Sinti und Roma werden in Deutschland und den besetzten Ländern ermordet.
  • 7. Januar 1956Der Bundesgerichtshof bestreitet, dass Sinti und Roma vor dem Auschwitz-Erlass aus rassistischen Gründen verfolgt worden seien. Viele Überlebende gehen deshalb bei der Entschädigung leer aus.
  • 1963Der Bundesgerichtshof revidiert das Urteil.
  • Ostern 1980Sinti treten im ehemaligen Konzentrationslager Dachau in einen Hungerstreik. Er wird zum Höhepunkt ihrer Bürgerrechtsbewegung.
  • 17. März 1982Bundeskanzler Helmut Schmidt erkennt den nationalsozialistischen Völkermord an Sinti und Roma an.
  • 12. März 2015Die Präsidentin des Bundesgerichtshofs nennt das Urteil von 1956 unannehmbar: "Wir können uns nur schämen."
  • 2015Das Europäische Parlament erklärt den 2. August zum Europäischen Gedenktag an den Völkermord an Sinti und Roma.

Nach Auschwitz wurden insgesamt rund 23.000 Sinti und Roma verschleppt, und etwa 21.000 der dort registrierten Häftlinge sind an Hunger, Krankheit, medizinischen Versuchen oder in den Gaskammern gestorben. Was ein Konzentrationslager von einem Vernichtungslager unterscheidet und warum Auschwitz beides war, erklärt ein eigener Beitrag.

Auffällig ist, wie lange die Anerkennung gedauert hat. Fast vier Jahrzehnte nach Kriegsende haben Überlebende noch darum kämpfen müssen, überhaupt als Opfer rassistischer Verfolgung zu gelten. Das Urteil von 1956 hat dabei Stereotype benutzt, die kaum von denen der NS-Zeit zu unterscheiden waren. Anerkannt wurde der Völkermord erst, nachdem die Betroffenen selbst öffentlich protestiert hatten.

Wie verbreitet Antiziganismus heute ist

Zwei Zahlen zeigen, wie tief die Vorurteile sitzen. Die eine misst, was Menschen denken, die andere, was Sinti und Roma erleben. Dieselbe Studie misst übrigens auch, wie verbreitet Muslimfeindlichkeit ist.

53 %stimmen der Aussage zu, Sinti und Roma neigten zur Kriminalität
52 %hätten ein Problem damit, wenn sich Sinti und Roma in ihrer Gegend aufhalten
40 %meinen, Sinti und Roma sollten aus den Innenstädten entfernt werden
2.076antiziganistische Vorfälle hat die Meldestelle MIA 2025 dokumentiert, 24 Prozent mehr als im Jahr davor

Leipziger Autoritarismus-Studie 2024 (2.504 Befragte) und MIA-Jahresbericht 2025

Die Meldestelle zählt, was Betroffene und Zeugen ihr melden. Mehr als 900 der Vorfälle von 2025 betrafen das Wohnen. Und bei jedem dritten Vorfall, der sich direkt gegen Menschen richtete, waren Kinder und Jugendliche betroffen, oft in der Schule.

Was hast Du gelernt?
  1. Warum ist das Wort "Antiziganismus" umstritten?

  2. Seit wann sind Sinti in Deutschland urkundlich belegt?

  3. Wann hat die Bundesregierung den Völkermord an Sinti und Roma anerkannt?

Quellen 8
  1. Bundeszentrale für politische Bildung, Antiziganismus (Dossier Rechtsextremismus) · abgerufen 24.09.2026
  2. Bundeszentrale für politische Bildung, Themenseite Antiziganismus · abgerufen 24.09.2026
  3. Minderheitensekretariat, Die deutschen Sinti und Roma · abgerufen 24.09.2026
  4. Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Das Urteil des Bundesgerichtshofs aus dem Jahr 1956 · abgerufen 24.09.2026
  5. Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, Sinti and Roma Genocide Remembrance Day · abgerufen 24.09.2026
  6. Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, Bundeskanzler Helmut Schmidt erkennt NS-Völkermord an Sinti und Roma an · abgerufen 24.09.2026
  7. Melde- und Informationsstelle Antiziganismus (MIA), 4. Jahresbericht: 2.076 dokumentierte Fälle im Jahr 2025 · Stand 09.06.2026, abgerufen 24.09.2026
  8. Heinrich-Böll-Stiftung, Die Leipziger Autoritarismus-Studie 2024: Methoden, Ergebnisse und Langzeitverlauf · Stand 13.11.2024, abgerufen 24.09.2026
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Für Referat und Hausarbeit

quickpedia.de: "Antiziganismus - Definition, Geschichte und Gegenwart". Stand: 24.09.2026. Online unter: https://quickpedia.de/politik/antiziganismus (abgerufen am [Datum Deines Abrufs]).

Wissenschaftlich (an APA angelehnt)

quickpedia.de. (2026, 24. September). Antiziganismus - Definition, Geschichte und Gegenwart. Abgerufen am [Datum Deines Abrufs], von https://quickpedia.de/politik/antiziganismus

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