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Antisemitismus

Vermummte Bewaffnete in Tarnkleidung verbrennen eine US-amerikanische und eine israelische Flagge, im Hintergrund eine schwarze Fahne und eine Panzerfaust vor blauem Himmel
Bei einer Militärschau in Chan Yunis im Gazastreifen verbrennen Anhänger des Islamischen Dschihad im Oktober 2020 eine US-amerikanische und eine israelische Flagge (Foto: Anas-Mohammed / Shutterstock)
Die schnelle Antwort

Antisemitismus ist Feindschaft gegen Jüdinnen und Juden, weil sie Juden sind. Er schreibt einer ganzen Gruppe schlechte Eigenschaften und geheime Absichten zu und reicht vom Witz über Verschwörungserzählungen bis zur Gewalt.

Antisemitismus ist Feindschaft gegen Jüdinnen und Juden, weil sie Juden sind. Er richtet sich nicht gegen das, was ein einzelner Mensch tut, sondern gegen eine ganze Gruppe, der er von vornherein schlechte Eigenschaften und geheime Absichten zuschreibt. Das kann als Witz auftreten, als Verschwörungstheorie, als Schmiererei an einer Synagoge oder als Gewalt. Der Kern ist immer derselbe. Juden gelten nicht als Menschen wie alle anderen, sondern als Gegenpart, dem man die Schuld an dem geben kann, was gerade schiefläuft.

Das Wort selbst ist knapp 150 Jahre alt und war von Anfang an irreführend. Es ist 1879 im Umfeld des Berliner Journalisten Wilhelm Marr aufgekommen und sollte nach Wissenschaft klingen. "Semiten" bezeichnet aber Völker, die eine semitische Sprache sprechen, und dazu gehören auch die Araber. Marr und seine Anhänger meinten nie Araber, sondern ausschließlich Juden. Sie wollten den alten Judenhass nicht mehr religiös begründen, sondern angeblich biologisch. Der Begriff hat sich trotzdem durchgesetzt, und heute bezeichnet er alle Formen von Judenfeindschaft, auch die viel älteren.

Irrtum: Antisemitismus kommt nur von rechts

Nein. Bei den Straftaten liegt das rechte Spektrum allerdings vorn. Die Polizei hat 2025 rund 46 Prozent der antisemitischen Straftaten dem rechten Spektrum zugeordnet. Die Meldestelle RIAS, die auch nicht strafbare Vorfälle zählt, konnte 2025 mehr als die Hälfte der Fälle gar keinem Hintergrund zuordnen. Unter den übrigen war antiisraelischer Aktivismus mit 23 Prozent aller Vorfälle der häufigste Hintergrund, vor Rechtsextremismus mit 9 und linkem Antiimperialismus mit 6 Prozent. Wer Antisemitismus nur bei den Rechten sucht, übersieht deshalb einen großen Teil.

Welche Formen es gibt

Antisemitismus hat sich über die Jahrhunderte immer wieder verkleidet. Die Forschung unterscheidet mehrere Erscheinungsformen, und vier davon sind für das Verständnis besonders wichtig. Sie haben sich nicht abgelöst, sondern leben nebeneinander weiter. Die alten Bilder tauchen in jeder neuen Form wieder auf, nur mit anderer Begründung.

  • Religiöser Antijudaismus: die christlich begründete Judenfeindschaft, die älteste Form. Aus ihr stammen Bilder wie der Vorwurf, Juden würden Brunnen vergiften, die in späteren Verschwörungserzählungen wiederkehren.
  • Rassistischer Antisemitismus: seit dem späten 19. Jahrhundert. Judentum wird nicht mehr als Religion gesehen, aus der man austreten kann, sondern als angeblich biologische "Rasse". Der Nationalsozialismus hat diese Form zur Staatsideologie gemacht, und sie hat in den Holocaust geführt.
  • Sekundärer Antisemitismus: die Judenfeindschaft nach dem Holocaust, die sich gerade aus der Erinnerung speist. Wer sich über den "Schuldkult" beschwert, den Holocaust kleinredet oder Juden vorwirft, sie würden ständig an die Verbrechen erinnern, betreibt diese Form. Der Kern ist die Abwehr von Schuld, die man auf die Opfer zurückwirft.
  • Israelbezogener Antisemitismus: seit der Staatsgründung 1948. Die alten Bilder werden auf Israel übertragen, etwa wenn Israel mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt wird, wenn Jüdinnen und Juden weltweit für die Politik der israelischen Regierung haftbar gemacht werden oder wenn an Israel Maßstäbe angelegt werden, die an keinen anderen Staat angelegt werden.

Die letzte Form ist die, um die am meisten gestritten wird, und die Grenze ist tatsächlich nicht immer einfach. Kritik an der israelischen Regierung, wie sie auch in Israel selbst jeden Tag geäußert wird, ist kein Antisemitismus. Antisemitisch wird es, wenn Israel das Existenzrecht abgesprochen wird, wenn jüdische Menschen in Deutschland für Entscheidungen in Jerusalem angegriffen werden oder wenn hinter der Kritik die alten Bilder vom heimlichen Strippenzieher auftauchen.

Für diese Grenze gibt es zwei Definitionen, die miteinander konkurrieren. Die Arbeitsdefinition der Internationalen Allianz für Holocaust-Gedenken, kurz IHRA, stammt von 2016 und nennt elf Beispiele, sieben davon zu Israel. Die Bundesregierung hat sie 2017 übernommen. Die Jerusalemer Erklärung von 2021 trennt mit fünfzehn Leitlinien genauer, was antisemitisch ist und was nicht per se. Ihre Kritiker halten ihr vor, sie unterschätze, wie bestimmte Aussagen tatsächlich wirken.

Wie die Judenfeindschaft gewandert ist

Antisemitismus ist kein Ausrutscher der Geschichte, sondern zieht sich durch Jahrhunderte. Oft ist er dann besonders heftig geworden, wenn eine Gesellschaft einen Schuldigen für ihr Unglück gesucht hat. Die Pest ist dafür das bekannteste Beispiel.

Judenfeindschaft in Europa

  • 1096Kreuzfahrer auf dem Weg ins Heilige Land vernichten die jüdische Gemeinde in Worms und morden in Mainz. Dort sterben nach zeitgenössischen Quellen 700 bis 1.300 Menschen.
  • 1348/49Während der Pest werden Juden beschuldigt, die Brunnen vergiftet zu haben. Ganze Gemeinden werden ausgelöscht, etwa in Würzburg und Nürnberg.
  • 1869 bis 1871Juden werden erst im Norddeutschen Bund und dann im ganzen Deutschen Reich rechtlich gleichgestellt. Acht Jahre später kommt das Wort Antisemitismus auf.
  • 1894In Frankreich wird der jüdische Offizier Alfred Dreyfus zu Unrecht wegen Landesverrats verurteilt. Rehabilitiert wird er erst 1906.
  • 1903In Russland erscheinen die "Protokolle der Weisen von Zion", eine gefälschte Schrift über eine jüdische Weltverschwörung. Schon 1921 ist die Fälschung nachgewiesen. Verbreitet wird sie trotzdem weiter.
  • 1935Die Nürnberger Gesetze machen die deutschen Juden zu Staatsangehörigen minderen Rechts.
  • 1938In den Novemberpogromen brennen die Synagogen, und etwa 30.000 jüdische Männer werden in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen verschleppt.
  • 1945Bis zum Kriegsende haben die Nationalsozialisten, ihre Verbündeten und Helfer im Holocaust sechs Millionen europäische Jüdinnen und Juden ermordet.
  • 1948Der Staat Israel wird gegründet. Judenfeindschaft richtet sich von nun an auch gegen ihn.
  • 7. Oktober 2023Nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel steigt die Zahl der antisemitischen Vorfälle in Deutschland auf ein Mehrfaches.

Der Zeitstrahl zeigt eine Sache, die leicht übersehen wird. Die rechtliche Gleichstellung hat den Antisemitismus nicht beendet, sondern ihn in eine neue Form getrieben. Der moderne Antisemitismus ist genau in den Jahren entstanden, in denen Juden gleichberechtigt wurden, und er wollte das rückgängig machen. Gut fünfzig Jahre später waren Antisemiten an der Macht, in einer Diktatur, die die Judenfeindschaft zum Gesetz gemacht und in den Massenmord in den Konzentrations- und Vernichtungslagern geführt hat.

Was die Zahlen für Deutschland sagen

Es gibt zwei Zählungen, die man nicht verwechseln sollte. Die Polizei zählt Straftaten, also nur das, was angezeigt wird und strafbar ist.

Die Polizei hat 2025 in Deutschland 6.548 antisemitische Straftaten erfasst, so viele wie nie zuvor und mehr als dreimal so viele wie 2018. 2023 waren es fast doppelt so viele wie im Jahr davor.

Der Bundesverband RIAS, eine zivilgesellschaftliche Meldestelle, zählt Vorfälle, also auch Beleidigungen, Schmierereien und Bedrohungen unterhalb der Strafbarkeit, die Betroffene melden. Deshalb liegt die RIAS-Zahl höher, und deshalb sagen beide zusammen mehr als eine allein.

6.548antisemitische Straftaten hat die Polizei 2025 erfasst, 5 Prozent mehr als 2024 und ein neuer Höchststand
47 Prozentdieser Straftaten hatten einen Bezug zum Nahostkonflikt
8.725antisemitische Vorfälle hat RIAS 2025 dokumentiert, rund 24 am Tag
178davon waren körperliche Angriffe, dazu 257 Bedrohungen
mehr als dreimal so vieleVorfälle wie 2022, dem letzten Jahr vor dem 7. Oktober 2023

BKA-Fallzahlen (9. Juni 2026) und RIAS-Jahresbericht (17. Juni 2026), jeweils für 2025

Hinter den Zahlen steht ein Alltag, der sich für Jüdinnen und Juden in Deutschland verändert hat. Weil sich so viele Vorfälle keinem Hintergrund zuordnen lassen, müssen sie Antisemitismus von allen Seiten erwarten. Bewährte Vorsichtsmaßnahmen wie das Meiden bestimmter Orte reichen oft nicht mehr aus. Das ist der Grund, warum Antisemitismus nicht nur ein Thema für Geschichtsbücher ist. Er zeigt, wie sicher eine Minderheit in einem Land lebt, und damit auch, wie stabil das Land selbst ist. Dasselbe gilt für andere Formen gruppenbezogener Feindschaft, etwa gegen Sinti und Roma, gegen Musliminnen und Muslime oder gegen homosexuelle Menschen.

Was hast Du gelernt?
  1. Warum ist das Wort "Antisemitismus" eigentlich irreführend?

  2. Was ist sekundärer Antisemitismus?

  3. Wann ist Kritik an Israel antisemitisch?

Quellen 16
  1. Jessica Hoyer, Moderner Antisemitismus, Glossar Antisemitismus, Bundeszentrale für politische Bildung · abgerufen 24.09.2026
  2. Wolfgang Benz, Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert, Bundeszentrale für politische Bildung · Stand 27.11.2006, abgerufen 24.09.2026
  3. DWDS, Semit · abgerufen 24.09.2026
  4. Juliane Wetzel, Antisemitismus heute - klassische und neue Erscheinungsformen einer Ideologie, Bundeszentrale für politische Bildung · Stand 23.11.2017, abgerufen 24.09.2026
  5. Klaus Holz, Definitionen von Antisemitismus, Bundeszentrale für politische Bildung · Stand 25.10.2024, abgerufen 24.09.2026
  6. Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages, Arbeitsdefinition Antisemitismus der IHRA, WD 1 - 3000 - 003/19 · Stand 04.03.2019, abgerufen 24.09.2026
  7. Magenza - die Geschichte des jüdischen Mainz, regionalgeschichte.net · abgerufen 24.09.2026
  8. Haus der Bayerischen Geschichte, Glossar: Pestpogrome 1348/49 · abgerufen 24.09.2026
  9. Deutsches Historisches Museum, LeMO: Jüdische Emanzipation · abgerufen 24.09.2026
  10. Elke-Vera Kotowski, Der Fall Dreyfus und die Folgen, Aus Politik und Zeitgeschichte, Bundeszentrale für politische Bildung · Stand 29.11.2007, abgerufen 24.09.2026
  11. United States Holocaust Memorial Museum, Holocaust-Enzyklopädie: Die Protokolle der Weisen von Zion · abgerufen 24.09.2026
  12. Bundeszentrale für politische Bildung, Novemberpogrom 1938 · Stand 31.10.2023, abgerufen 24.09.2026
  13. United States Holocaust Memorial Museum, Holocaust-Enzyklopädie: Einführung in den Holocaust · abgerufen 24.09.2026
  14. Bundeskriminalamt, Politisch motivierte Gewalt erreicht neuen Höchststand, Pressemitteilung zur PMK 2025 · Stand 09.06.2026, abgerufen 24.09.2026
  15. Bundeskriminalamt, Politisch motivierte Kriminalität 2025 (Fallzahlen) · abgerufen 24.09.2026
  16. Bundesverband RIAS, Antisemitische Vorfälle in Deutschland 2025, Jahresbericht · Stand 17.06.2026, abgerufen 24.09.2026
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quickpedia.de: "Antisemitismus - Definition, Formen und Geschichte". Stand: 30.09.2026. Online unter: https://quickpedia.de/politik/antisemitismus (abgerufen am [Datum Deines Abrufs]).

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quickpedia.de. (2026, 30. September). Antisemitismus - Definition, Formen und Geschichte. Abgerufen am [Datum Deines Abrufs], von https://quickpedia.de/politik/antisemitismus

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