Amon Göth

Amon Göth war von Februar 1943 bis September 1944 Kommandant des Lagers Plaszow bei Krakau und hat in dieser Zeit tausende Menschen töten lassen. Ein polnisches Gericht hat ihn 1946 zum Tode verurteilt und hinrichten lassen. Bekannt ist er vor allem durch Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste", der seine Person allerdings zuspitzt.
Hinter dem Namen steht ein österreichischer SS-Offizier, der anderthalb Jahre lang über ein Lager mit zeitweise mehr als 20.000 Gefangenen bestimmt hat. Die Anklage in seinem Prozess hat ihm den Tod tausender Menschen allein in diesem Lager zur Last gelegt, dazu die Auflösung des Krakauer Ghettos und weiterer Ghettos und Lager. Ein polnisches Gericht hat ihn 1946 zum Tode verurteilt, und am 13. September 1946 ist er gehängt worden.
Den meisten ist er als Figur bekannt. In Steven Spielbergs "Schindlers Liste" von 1993 spielt Ralph Fiennes ihn als den Lagerkommandanten, dem Oskar Schindler seine Arbeiter abhandelt. Der Film hat einen Namen im Gedächtnis verankert, den sonst kaum jemand kennen würde, und zugleich ein Bild geprägt, das mit der Geschichte nicht in jedem Punkt übereinstimmt.
Ein Wiener Kaufmannssohn in der SS
Geboren worden ist Göth am 11. Dezember 1908 in Wien, in eine Familie, die vom Verlagsgeschäft lebte. Er hat Verlagsbuchhändler gelernt, war ein mäßiger Schüler und hat sich früh für Sport und rechtsnationale Ideen interessiert. Wann genau er in die Partei eingetreten ist, geben die Quellen verschieden an. Yad Vashem nennt 1932 für die NSDAP und 1940 für die SS. Sein Biograf Johannes Sachslehner nennt den Mai 1931 und kurz darauf die SS. Gebracht hat er es bis zum Hauptsturmführer, einem Rang, der dem Hauptmann der Wehrmacht entsprach.
Im Sommer 1942 ist er nach Lublin zum Stab von Odilo Globocnik versetzt worden. Dort lief die "Aktion Reinhardt", die Ermordung der Juden im besetzten Polen. Göth hat an Deportationen mitgewirkt und beim Auflösen kleinerer Ghettos gelernt, dass sich mit dem Aufschub des Todes Geschäfte machen lassen. Er hat sich mit Pelzen, Schmuck und Wertsachen dafür bezahlen lassen, Menschen nicht sofort weiterzuschicken. Anfang 1943 ist er nach Krakau gekommen. Er war kein Erfinder dieser Politik und kein Mann mit eigenen Ideen, sondern ein Ausführender, der die Möglichkeiten seiner Stelle bis an den Rand ausgereizt hat.
Plaszow
Das Lager war im Oktober 1942 in den Krakauer Stadtteilen Podgórze und Wola Duchacka eingerichtet worden, zu großen Teilen auf dem Gelände zweier jüdischer Friedhöfe. Es hieß Zwangsarbeitslager und war für die Juden aus dem Krakauer Ghetto bestimmt. Im Januar 1944 ist es in ein Konzentrationslager umgewandelt worden.
Göth hat es ab dem 11. Februar 1943 geführt. Einen Monat später, am 13. März 1943, hat er die Auflösung des Krakauer Ghettos geleitet. Wer als arbeitsfähig galt, kam in sein Lager, und wer das nicht war, wurde an Ort und Stelle erschossen oder deportiert. Im September 1943 folgte das Ghetto in Tarnów, danach das Zwangsarbeitslager Szebnie.
Anklage gegen Amon Göth, Oberstes Nationaltribunal Polens, Krakau 1946
Was diese Zahlen im Alltag bedeutet haben, hat der Wiener Historiker Johannes Sachslehner aus Prozessakten, Archivgut und den Aussagen überlebender Häftlinge zusammengetragen. Danach hat Göth am liebsten morgens getötet. Er ist mit einem Gewehr auf den Balkon seiner Villa über dem Lager getreten und hat Häftlinge erschossen, ohne Anlass und oft nach Alkohol. Ein Foto aus dem Lager zeigt ihn genau so, im Unterhemd, die Waffe über der Schulter, den Blick nach unten. Aufgenommen hat es 1943 Raimund Titsch. Die Gefangenen haben gelernt, die Zeichen zu lesen. Erschien der Kommandant mit Tirolerhut, weißen Handschuhen und Schal, war er in Mordlaune. Sachslehner geht davon aus, dass Göth fünfhundert Menschen eigenhändig getötet hat, Männer, Frauen und Kinder.
Dass ein einzelner Mann so etwas tun konnte, lag auch daran, wie er seine Stelle verstanden hat. An seinen Vater hat er nach der Übernahme des Lagers einen Satz geschrieben, der ohne Kommentar auskommt.
Amon Göth in einem Brief an seinen Vater, überliefert bei Johannes SachslehnerJetzt bin ich endlich mein eigener Kommandeur.
Auf dem Höhepunkt Mitte 1944 waren in Plaszow über 20.000 Menschen eingesperrt. Insgesamt sind mehr als 35.000 durch das Lager gegangen. Die Gedenkstätte schätzt die Zahl der Opfer auf etwa 6.000. Erschossen wurde an drei Stellen des Geländes, darunter zwei alte Artillerieschanzen. Die Lagerleitung saß im sogenannten Grauen Haus an der Jerozolimska-Straße, dem früheren Verwaltungsgebäude des jüdischen Friedhofs, in dessen Keller seit August 1943 ein Gefängnis eingerichtet war.
Neben dem Lager lag die Emaillewarenfabrik von Oskar Schindler, die später ein eigenes Nebenlager bekommen hat. Wer dort arbeiten durfte, war dem Zugriff der Wachmannschaften ein Stück weit entzogen. Genau darum ist im Film so viel verhandelt worden, und genau darum hat die Frage, auf welcher Liste ein Name stand, über Leben und Tod entschieden.
Es gab dort keine Gaskammern. Gestorben ist, wer erschossen wurde, wer an Hunger, Krankheit und Zwangsarbeit zugrunde ging oder wer bei einer Selektion für den Transport nach Auschwitz bestimmt wurde. Der Unterschied ändert nichts an der Zahl der Toten, aber er erklärt, warum ein einzelner Mann hier so viel Macht hatte. In Plaszow ist nicht industriell getötet worden, sondern nach Laune und Befehl.
Verhaftet von der eigenen SS
Am 13. September 1944 haben deutsche Stellen Göth verhaftet. Der Vorwurf war nicht Mord. Es ging um Unterschlagung, denn er hatte sich an Geld, Schmuck, Kleidung und Möbeln der Gefangenen bedient und Beute nach Deutschland geschafft, im Wert von mehreren Millionen Zloty. Vor ein deutsches Gericht ist er nie gekommen, weil der Krieg vorher zu Ende war.
Nach der Kapitulation haben die Alliierten ihn an Polen ausgeliefert. Was ihn also zuerst den Posten gekostet hat, war die Bereicherung an den Opfern, nicht das Töten.
Der Prozess in Krakau
Vom 27. August bis zum 5. September 1946 hat das Oberste Nationaltribunal Polens in Krakau gegen ihn verhandelt. Göth hat sich auf Befehle von oben berufen und auf Kriegsnotwendigkeit, und er hat auf nicht schuldig plädiert. Zwei vom Gericht bestellte Verteidiger haben ihn vertreten, die zum Auftakt darum gebeten hatten, von der Aufgabe befreit zu werden.
Getragen hat die Anklage vor allem ein Mann, der anderthalb Jahre neben ihm gesessen hatte. Mietek Pemper war als jüdischer Häftling Göths Stenograf und kannte die Befehlswege der Kommandantur, und seine Aufzeichnungen sind zur Grundlage der Anklageschrift geworden. Göth selbst hat Entlastungszeugen benannt, darunter Pemper und Oskar Schindler. Das Urteil lautete auf Tod durch den Strang, dazu Verlust der bürgerlichen Rechte und Einziehung des Vermögens. Sein Gnadengesuch blieb ohne Erfolg.
Bemerkenswert an diesem Verfahren ist ein Wort. Die Anklage hat die Taten nicht nur als Kriegsverbrechen bezeichnet, sondern als Völkermord, und sie hat sich dabei ausdrücklich auf den Juristen Raphael Lemkin berufen, der den Begriff kurz zuvor geprägt hatte. Die Völkermordkonvention der Vereinten Nationen gab es damals noch nicht. Sie ist erst 1948 beschlossen worden. In Krakau wurde also mit einem Begriff gearbeitet, für den es noch kein internationales Strafrecht gab.
Stationen
- 11.12.1908Geburt in Wien
- 1931 oder 1932Eintritt in die NSDAP, später in die SS, die Angaben gehen auseinander
- Sommer 1942Versetzung nach Lublin zum Stab Globocnik, Mitwirkung an Deportationen
- 11.2.1943Kommandant des Zwangsarbeitslagers Plaszow
- 13.3.1943Leitung der Auflösung des Krakauer Ghettos
- Januar 1944Plaszow wird Konzentrationslager
- 13.9.1944Verhaftung durch deutsche Stellen wegen Unterschlagung
- 27.8. bis 5.9.1946Prozess vor dem Obersten Nationaltribunal in Krakau
- 13.9.1946Hinrichtung
Was der Film anders erzählt
Spielbergs Film ist kein Dokumentarfilm, und an drei Stellen geht er weit von den Quellen weg.
Die Figur des Buchhalters Itzhak Stern, die Ben Kingsley spielt, hat es so nicht gegeben. In ihr stecken drei reale Menschen: Itzhak Stern, der Prokurist Abraham Bankier und eben Mietek Pemper. Wer im Film Stern zusieht, sieht also auch die Arbeit des Mannes, der später vor Gericht gegen Göth ausgesagt hat und im Film nicht vorkommt.
Die berühmteste Szene stimmt ebenfalls nicht. Schindler diktiert darin die Namen aus dem Gedächtnis, und die Schreibmaschine klappert. Pemper hat dieser Darstellung widersprochen, und sein Argument ist einfach. Zu jedem Namen gehörten laufende Nummer, Häftlingsnummer, Geburtsdatum und Beruf, tausendfach. Das kann niemand auswendig. Entscheidend war die Vorarbeit von Monaten, die Genehmigung für ein neues Außenlager und gefälschte Tabellen über angeblich kriegswichtige Arbeit. Eingetragen wurden die Namen im Lager von einem Häftling namens Marcel Goldberg, der dabei seine eigene Macht ausgespielt hat.
Im Film
Schindler diktiert die Namen aus dem Gedächtnis, und sein Buchhalter Itzhak Stern tippt sie ab.
In Wirklichkeit
Hinter der Liste stecken Monate Vorarbeit und gefälschte Tabellen. Die Filmfigur Stern vereint drei Menschen, darunter Mietek Pemper.
Nicht jede Szene dagegen, die erfunden wirkt, ist auch erfunden. Dass Göth vom Balkon aus auf Häftlinge geschossen hat, gehört zu den Bildern, die vielen als filmische Übertreibung erscheinen. Belegt ist es trotzdem, durch die Aussagen Überlebender und durch das Foto, das ihn mit dem Gewehr auf dem Balkon zeigt.
Und der Film endet mit Göth am Galgen, ohne zu zeigen, was dazwischen lag. Verhaftet haben ihn nicht die Alliierten, sondern die eigene SS, und zwar wegen Diebstahls. Vor Gericht hat er dann alles bestritten, auch, dass in Plaszow überhaupt Tausende umgekommen seien. Bei der Verlesung der Anklage soll er sich gewundert haben, dass so viele Juden überlebt hätten, um gegen ihn auszusagen.
Was von ihm übrig ist
Das Lager hat ihn nicht lange überlebt. Ab August 1944 haben die Deutschen begonnen, Häftlinge und Baracken abzutransportieren, und am 14. Januar 1945 hat sich die letzte Gruppe von rund 600 Menschen zu Fuß auf den Weg nach Auschwitz gemacht. Danach stand die Rote Armee auf dem Gelände. Später hat sich niemand mehr darum gekümmert.
Auf dem Lagergelände in Krakau gibt es heute eine Gedenkstätte mit einer Ausstellung im Freien, und das Graue Haus wird zum Museum umgebaut. Wer dort steht, sieht eine große Wiese, unter der ein Lager liegt.
Von Göth ist außerdem eine Familiengeschichte geblieben, die weitererzählt wird. Seine Tochter Monika aus der Beziehung mit Ruth Irene Kalder hat sich ihr Leben lang mit dem Vater auseinandergesetzt, den sie nie bewusst erlebt hat. Kalder selbst hat sich 1983 das Leben genommen.
Monikas Tochter Jennifer Teege, Jahrgang 1970 und als Kind adoptiert, hat erst mit 38 Jahren erfahren, in welche Familie sie geboren worden ist. Sie hat in einer Hamburger Bibliothek zufällig ein Buch über ihre leibliche Mutter in die Hand genommen und darin gelesen, wer ihr Großvater war. 2013 hat sie darüber das Buch "Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen" veröffentlicht.
Der Film hat aus Göth eine Figur gemacht, an der sich das Böse besichtigen lässt, und genau darin liegt seine Schwäche. Ein Mann, der aus Langeweile schießt, ist ein Monster und damit weit weg. Die Akten aus Krakau zeigen etwas Unbequemeres. Sie zeigen einen Beamten des Mordens, der Listen führen ließ, Beute abrechnete und am Ende von seinem eigenen Apparat nicht für die Toten belangt wurde, sondern für das gestohlene Silber.
Welche Art von Lager war Plaszow, als Göth es übernommen hat?
Warum haben deutsche Stellen Göth 1944 verhaftet?
Was war an der Anklage in Krakau rechtlich neu?
Wer hat die Namen auf Schindlers Liste tatsächlich eingetragen?
Wer war Mietek Pemper?
Quellen 11
- UN War Crimes Commission, Law Reports of Trials of War Criminals, Vol. VII, Case No. 37: Trial of Hauptsturmführer Amon Leopold Goeth (Supreme National Tribunal of Poland, Kraków 1946) · abgerufen 20.09.2026
- Museum - Gedenkstätte KL Plaszow in Kraków, Geschichte des Lagers · abgerufen 20.09.2026
- filmportal.de, Schindler's List (1993), Besetzung · abgerufen 20.09.2026
- Museum - Gedenkstätte KL Plaszow in Kraków, Das Graue Haus · abgerufen 20.09.2026
- United States Holocaust Memorial Museum, Holocaust Encyclopedia: Plaszow · abgerufen 20.09.2026
- Yad Vashem, Shoah Resource Center: Goeth, Amon Leopold · abgerufen 20.09.2026
- PemperWiki nach Mietek Pemper, Der rettende Weg. Schindlers Liste - die wahre Geschichte, Hoffmann und Campe 2005: Entstehung von Schindlers Liste · abgerufen 20.09.2026
- PemperWiki nach Johannes Sachslehner, Der Tod ist ein Meister aus Wien, 2008: Prozess und Hinrichtung · abgerufen 20.09.2026
- United States Holocaust Memorial Museum, Photo Archives 05276: Commandant Amon Goeth stands with his rifle on the balcony of his villa in the Plaszow concentration camp (Raimund Titsch, 1943, Leopold Page Photographic Collection) · abgerufen 20.09.2026
- Solveig Bach, Amon Göth, der Schlächter von Plaszow, n-tv.de - Besprechung von Johannes Sachslehner, Der Henker. Leben und Taten des SS-Hauptsturmführers Amon Leopold Göth · Stand 02.02.2014, abgerufen 20.09.2026
- Jennifer Teege und Nikola Sellmair, Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen, Rowohlt 2013 · abgerufen 20.09.2026
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quickpedia.de: "Amon Göth - Kommandant von Plaszow, Verbrechen und Prozess". Stand: 29.09.2026. Online unter: https://quickpedia.de/politik/amon-goeth (abgerufen am [Datum Deines Abrufs]).
quickpedia.de. (2026, 29. September). Amon Göth - Kommandant von Plaszow, Verbrechen und Prozess. Abgerufen am [Datum Deines Abrufs], von https://quickpedia.de/politik/amon-goeth
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