War Martin Luther ein Antisemit?

Martin Luther hat in seinen späten Schriften Juden aufs Schlimmste beschimpft und gefordert, ihre Synagogen anzuzünden und sie zu vertreiben. Ob man das Antisemitismus nennen kann, ist umstritten, weil das Wort erst 1879 entstanden ist und eine rassistische Begründung meint, während Luther religiös argumentiert hat.
Martin Luther hat Juden in seinen späten Schriften aufs Schlimmste beschimpft. 1543 hat er verlangt, ihre Synagogen anzuzünden, ihre Häuser zu zerstören, ihnen Besitz und Bücher zu nehmen und sie aus den deutschen Ländern zu vertreiben. Dass er ein erbitterter Judenfeind war, bestreitet heute auch die evangelische Kirche nicht. Umstritten ist nur, ob man das Antisemitismus nennen kann. Das Wort ist erst 1879 entstanden und meint eine Feindschaft, die sich auf eine angebliche "Rasse" beruft. Luther dagegen hat religiös argumentiert.
Vom Hoffnungsträger zum Judenfeind
Luthers Haltung zu den Juden hat sich im Lauf seines Lebens umgedreht. 1523 veröffentlichte er die Schrift "Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei". Er erwartete damals, dass "aus den Juden viel rechte Christen werden". Als sich diese Hoffnung nicht erfüllte, schlug seine Haltung in Hass um.
Luther, die Juden und die Folgen
- 1523Luther schreibt "Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei" und hofft, dass sich viele Juden taufen lassen.
- 1543In "Von den Juden und ihren Lügen" und "Vom Schem Hamphoras" fordert er, Synagogen anzuzünden und Juden zu vertreiben.
- 1570Über das mittelalterliche Schmähbild einer "Judensau" an der Wittenberger Stadtkirche wird eine Inschrift gesetzt, die auf Luthers Schriften von 1543 anspielt.
- November 1938Unmittelbar nach den Novemberpogromen verschickt der thüringische Landesbischof Martin Sasse die Schrift "Martin Luther und die Juden: Weg mit ihnen!" an seine Pfarrer.
- 1988Unter das Relief in Wittenberg wird eine Bodenplatte gesetzt, die an die sechs Millionen ermordeten Juden erinnert.
- 11. November 2015Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland distanziert sich einstimmig von Luthers Judenfeindschaft.
- 14. Juni 2022Der Bundesgerichtshof entscheidet, dass das Relief bleiben darf, weil es durch Bodenplatte und Erklärtafel zu einem Mahnmal geworden sei.
Judenfeindliche Polemik war im 16. Jahrhundert verbreitet, und Luthers Ton war für seine Zeit nicht ungewöhnlich. Mit einer Forderung ging er aber über die anderen hinaus. Der Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann nennt den Aufruf, Synagogen anzuzünden, ein "genuines Luthererbe", weil er keinen Zeitgenossen gefunden hat, der dasselbe vorgeschlagen hätte. Weil Luther wohl der einflussreichste deutschsprachige Autor seiner Zeit zu diesem Thema war, hatten seine Worte besonderes Gewicht.
Antijudaismus oder Antisemitismus?
Die Forschung unterscheidet zwei Formen der Judenfeindschaft. Welche auf Luther zutrifft, ist der Kern der Debatte.
Zwei Begriffe für Judenfeindschaft
Antijudaismus
Christlich begründet und viel älter. Er wirft den Juden vor, Jesus nicht als Messias anzuerkennen. Wer sich taufen lässt, hört in dieser Logik auf, Jude zu sein.
Antisemitismus
Seit dem späten 19. Jahrhundert, rassistisch begründet. Juden gelten als angebliche "Rasse", aus der man durch keine Taufe herauskommt.
Die Evangelische Kirche in Deutschland beantwortet die Frage auf ihrer Themenseite zum Reformationsjubiläum mit Nein. Luther stehe in der Tradition des christlichen Antijudaismus, bei ihm stehe stets der Glaube im Mittelpunkt. Dieselbe Seite räumt aber zwei Grenzfälle ein. Luther schrieb, das jüdische Blut sei "wässerig und wild" geworden, und er nannte auch getaufte Juden weiterhin Juden. Genau das passt nicht mehr sauber in das Bild einer rein religiösen Feindschaft.
Kaufmann sieht den Kern tiefer in Luthers Theologie. Die Judenfeindschaft sei die Schattenseite seiner Lehre von der Rechtfertigung allein durch den Glauben. In den Juden sah Luther Menschen, die sich durch eigene Werke vor Gott rechtfertigen wollten, und damit das Gegenbild zu allem, wofür er stand.
Wer beide Seiten zusammennimmt, kommt zu einer Antwort, die weniger einfach ist als ein Ja oder Nein. Luther war ein Judenfeind von großer Härte. Seine Begründung war religiös, aber in einzelnen Formulierungen reicht sie bereits in die Sprache des späteren Antisemitismus hinein. Mehr zu den Formen der Judenfeindschaft steht im Beitrag über Antisemitismus.
Nein, das lehnen die meisten Kirchenhistoriker ab. Die Nationalsozialisten und ihre Anhänger in der Kirche haben sich zwar gern auf Luther berufen. Kaufmann nennt das aber eine "invention of tradition", eine nachträglich konstruierte Übereinstimmung. Luther hat Späteren allerdings Sätze geliefert, mit denen sie ihren Hass als Erbe des Reformators ausgeben konnten.
Wie die evangelische Kirche heute damit umgeht
Vor dem 500. Jubiläum der Reformation hat die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland 2015 in Bremen einstimmig eine Erklärung beschlossen. Sie spricht darin auch vom Versagen der Kirche gegenüber dem jüdischen Volk. Darin heißt es, Luthers Empfehlungen zum Umgang mit den Juden hätten Schmähungen und Forderungen nach vollständiger Entrechtung und Vertreibung enthalten. Sein Blick auf das Judentum stehe im Widerspruch zum Glauben an den einen Gott, der sich in dem Juden Jesus offenbart habe.
Sichtbar bleibt das Erbe an der Stadtkirche in Wittenberg. Dort hängt bis heute das Schmähbild der "Judensau", über dem die Inschrift von 1570 auf Luther verweist. Ein Mitglied einer jüdischen Gemeinde hat auf Entfernung geklagt und ist 2022 vor dem Bundesgerichtshof gescheitert.
Warum ist umstritten, ob Luther ein Antisemit war?
Wie stand Luther 1523 zu den Juden?
Wie hat der Bundesgerichtshof 2022 über die Wittenberger "Judensau" entschieden?
Quellen 7
- Bernd Buchner, Martin Luther und die Juden - Fragen und Antworten, luther2017.de (Evangelische Kirche in Deutschland) · abgerufen 24.09.2026
- Schatten der Rechtfertigungslehre - Kirchenhistoriker Kaufmann nennt Antisemitismus genuines Luthererbe, luther2017.de · abgerufen 24.09.2026
- Thomas Kaufmann, Luther und die Juden, Vortrag in Hamburg am 20. November 2013 · Stand 20.11.2013, abgerufen 24.09.2026
- Andreas Wittenberg, ... im Herzen unsere täglichen Mörder und blutdürstigen Feinde - Martin Luther und die Juden, Blog der Staatsbibliothek zu Berlin · Stand 26.02.2017, abgerufen 24.09.2026
- Evangelische Kirche in Deutschland, Das große Schweigen - wie sich die Kirchen im November 1938 verhielten · abgerufen 24.09.2026
- Evangelische Kirche in Deutschland, EKD-Synode distanziert sich von Luthers Judenfeindschaft, 11. November 2015 · Stand 11.11.2015, abgerufen 24.09.2026
- Bundesgerichtshof, Pressemitteilung zur Wittenberger Sau, Urteil vom 14. Juni 2022, VI ZR 172/20 · Stand 14.06.2022, abgerufen 24.09.2026
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quickpedia.de: "War Martin Luther ein Antisemit? Seine Judenschriften und die Debatte". Stand: 24.09.2026. Online unter: https://quickpedia.de/geschichte/personen/martin-luther-antisemit (abgerufen am [Datum Deines Abrufs]).
quickpedia.de. (2026, 24. September). War Martin Luther ein Antisemit? Seine Judenschriften und die Debatte. Abgerufen am [Datum Deines Abrufs], von https://quickpedia.de/geschichte/personen/martin-luther-antisemit
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Danke, wir sehen uns das an.